{"id":501,"date":"2022-12-13T07:12:35","date_gmt":"2022-12-13T07:12:35","guid":{"rendered":"https:\/\/new.elios.com\/?p=501"},"modified":"2022-12-13T07:16:01","modified_gmt":"2022-12-13T07:16:01","slug":"degitalisierung-je-mehr-mitmachen-desto-weniger-kommt-raus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/new.elios.com\/?p=501","title":{"rendered":"Degitalisierung: Je mehr mitmachen, desto weniger kommt raus"},"content":{"rendered":"\n<p>Durch Deutschland weht gerade ein Wind des digitalen Aufbruchs. Wie sch\u00f6n. Aber nur weil man viel Geld, Personal und politischen Willen auf ein Problem wirft, wird es nicht automatisch besser gel\u00f6st. Unsere Kolumnistin schaut sich einige der Gr\u00fcnde daf\u00fcr an.<\/p>\n<p>Symbolbild \u2013 Digitalisierungstatus Deutschland  <span class=\"media-license-caption\">  \u2013   <a class=\"\" target=\"_blank\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/4.0\/deed.de\" rel=\"noopener\">CC-BY-NC-SA 4.0<\/a> <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@beatriz_perez\">Foto: Beatriz Perez-Moya (unsplash) \u2013 Bearbeitung: netzpolitik.org \u2013 owieole<\/a><\/span><\/p>\n<p>Sp\u00fcrt Ihr das auch? Wie alle ins Machen kommen? Den frischen Wind des digitalen Aufbruchs? Wie das mit der Digitalisierung in Deutschland jetzt so richtig abgeht? Also so wirklich? Zumindest ist das ein wiederkehrendes Gef\u00fchl des Aufbruchs bei deutschen Digitalgro\u00dfvorhaben, sei es jetzt im Kontext von <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2022\/onlinezugangsgesetz-ohne-schnittstellen-ist-kein-digitaler-staat-zu-machen\/\">Onlinezugangsgesetz,<\/a> <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2022\/kabinettsklausur-wessen-digitalstrategie\/\">Digitalstrategie<\/a> oder <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2022\/video-ident-eingestuerzte-brueckentechnologie\/\">Telematikinfrastruktur<\/a>. Die Wirklichkeit sieht oft weniger rosig aus. Warum Anspruch und Wirklichkeit manchmal stark auseinanderklaffen, darum soll es in dieser sonnt\u00e4glichen Ausgabe von Degitalisierung gehen.<\/p>\n<p>In der Theorie ist das eigentlich einfach: Angenommen es gibt gen\u00fcgend politischen Willen, Budget und sonstige Ressourcen zur Umsetzung, dann m\u00fcssten solche digitalpolitischen Vorhaben ja z\u00fcgig, reibungslos und gut umgesetzt werden k\u00f6nnen. Dreifachwumms.<\/p>\n<p>In der Praxis hat sich das jedoch selten bewahrheitet. Die Gr\u00fcnde sind vielf\u00e4ltig. Ich will heute auf ein paar der Fehler eingehen, die logisch klingen \u2013 aber dennoch immer wieder gemacht werden.<\/p>\n<h3>Projektschmerzen<\/h3>\n<p>Betrachten wir die Digitalisierung in Deutschland mal als ein \u201eGesamtprojekt\u201c. Wobei \u201eProjekt\u201c hier explizit in Anf\u00fchrungszeichen zu setzen ist; so wirklich abgeschlossen ist dieses Digitale ja nie. In der schr\u00e4gen Projektbetrachtungsweise w\u00e4re etwa das Onlinezugangsgesetz (OZG) ein sehr gro\u00dfes digitales \u201eProjekt\u201c. Es verpflichtet die Politik dazu, bis Ende 2022 B\u00fcrger:innen und Unternehmen alle m\u00f6glichen Leistungen online zur Verf\u00fcgung zu stellen, etwa das Beantragen eines neuen Passes oder die Ummeldung. Viel Budget (<a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/20\/031\/2003140.pdf\">mehr als drei Milliarden Euro<\/a>), politischer Wille und Ressourcen. Dreifachwumms.<\/p>\n<p>Die Vermutung liegt nahe, dass Projekte mit m\u00f6glichst vielen Beteiligten und viel Umsetzungskapazit\u00e4t wie das OZG besonders schnell und effizient umgesetzt werden sollten. K\u00f6nnen ja theoretisch viele Leute gleichzeitig an einem gro\u00dfen Aufgabenbereich arbeiten \u2013 wenn klar abgetrennt ist, wer was macht und verantwortet. Nun fremdelt die Verwaltung mit den Konzepten, die f\u00fcr so eine Umsetzung hilfreich w\u00e4ren: klare Zust\u00e4ndigkeiten, flache Hierarchien, spezifische Verantwortung und gemeinsame Entscheidungsfindung.<\/p>\n<h3>Funktioniert das?<\/h3>\n<p>\u201eViele Digitalisierungsverantwortliche und komplexe Umsetzungsstrukturen \u2013 Funktioniert das?\u201c Diese Frage stellte schon der Nationale Normenkontrollrat Anfang des Jahres <a href=\"https:\/\/www.normenkontrollrat.bund.de\/nkr-de\/aktuelles\/monitor-digitale-verwaltung-6-1958280\">unter einem Wimmelbild<\/a>, das die Fortschritte in Sachen Digitalisierung der Verwaltung zeigen soll.<\/p>\n<p>Um die ganze Verworrenheit der Zust\u00e4ndigkeiten zu beschreiben, hier nun der Versuch, dieses komplexe Wimmelbild als Text wiederzugeben:<\/p>\n<p>\u201eAbgebildet ist ein Kreis mit 14 unterschiedlichen Stakeholdergruppen, die auf zwei gemeinsame Ziele \u2013 575 Onlinezugangsgesetzleistungen und ein gemeinsamer Portalverbund von Bund, L\u00e4ndern und Kommunen \u2013 hinarbeiten sollen. Die Stakeholdergruppen teilen sich wiederum in mehrere grobe Bl\u00f6cke, u.a. den Bund und die L\u00e4nder. Im Block Bund gibt es wiederum Querverbindungen von Kanzleramt, Digitalkabinett, IT-Rat und Bundesministerien. \u2026\u201c<\/p>\n<p>Die Beschreibung verdeutlicht bereits: Es wird kompliziert. Allein die 14 Stakeholdergruppen, die im Wimmelbild beschrieben sind, haben rein theoretisch 91 m\u00f6gliche Kommunikationsverbindungen untereinander \u2013 darin noch nicht mal eingeschlossen ist die Unterkommunikation in den einzelnen Gruppen. Mit weiteren Kommunikationspartner*innen steigt die Anzahl weiter an.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Projekte schaffen also nicht automatisch mehr, weil mehr Personal zur Verf\u00fcgung steht. Sondern eher weniger \u2013 vor allem dann, wenn Projekte eh schon zu sp\u00e4t dran sind, wie die Verwaltungsdigitalisierung das eben ist. Das liegt zum einen am Kommunikations-Tohuwabohu, zum anderen am zus\u00e4tzlichen Aufwand f\u00fcr Einarbeitung und Teambuilding.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu, sie wurde von Fred Brooks bereits 1975 festgehalten und ist heute als Brooksches Gesetz bekannt: \u201eAdding manpower to a late software project makes it later\u201c.<\/p>\n<p>Je mehr mitmachen, desto weniger kommt raus.<\/p>\n<h3>Zu viel Gleiches vom Gleichen<\/h3>\n<p>Neben dem Problem \u201ezu wenig zu sp\u00e4t\u201c, sind viele digitale Gro\u00dfprojekte auch nicht unbedingt besonders gute Digitalprodukte. Sondern Verwaltungsleistungen, die in unverst\u00e4ndlichem Beamtendeutsch formuliert sind und deren Nutzung eher semigro\u00dfe Begeisterung ausl\u00f6st. Hand aufs Herz: Welche digitale Verwaltungsleistung hat zuletzt wirklich Freude ausgel\u00f6st? Das vorherrschende Gef\u00fchl <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/verbraucher\/grundsteuer-erklaerung-probleme-fristen-101.html\">beim Ausf\u00fcllen der Grundsteuererkl\u00e4rung \u00fcber Elster<\/a> etwa ist oftmals nur Frust.<\/p>\n<p>Viele digitale Verwaltungsleistungen, aber auch digitale Umsetzungen im Gesundheitsbereich wirken wie nach dem sprichw\u00f6rtlichen Schema F umgesetzt. Ein Standardformular oder das eine Vorgehen nach \u201eSchema Frontrapport\u201c wie im preu\u00dfischen Milit\u00e4r des 19. Jahrhundert, von dem die Redewendung stammt.<\/p>\n<p>Als B\u00fcrger*in stellt sich unweigerlich die Frage: M\u00fcsste nicht jemandem auffallen, dass das nicht gut umgesetzt ist?<\/p>\n<p>M\u00fcsste, tut es aber nicht. Denn bei der Bewertung liegt leider ein mehrfacher kognitiver Best\u00e4tigungsfehler vor, auch bekannt als Confirmation Bias. Aus Sicht von Verwaltung oder Gesundheitswesen ist die jeweilige Umsetzung n\u00e4mlich funktional. Wenn die Vergleichsbeispiele in der eigenen Branche ein paar Jahrzehnte alt und umst\u00e4ndliche Prozesse Alltag sind, wirkt eine minimale Verbesserung schon wie eine Sensation. Ohne das Wissen, was nach Stand der Technik eigentlich m\u00f6glich w\u00e4re, wird der bescheidene Status quo oft schon als ausreichend angesehen. Dazu kommt ein Marktumfeld, in dem die immer gleichen Hersteller seit Jahren immer das Gleiche vom Gleichen machen, weil es wirtschaftlich einfach funktioniert.<\/p>\n<p>Wenn immer die Gleichen Gleiches machen, kommt auch nichts Besseres raus.<\/p>\n<h3>Vermeintliche edle Motive<\/h3>\n<p>Das Nichtwahrhabenwollen eigener Best\u00e4tigungsfehler f\u00fchrt unweigerlich zur Verdr\u00e4ngung von Risiken, weil alles dem subjektiv als absolut definierten prim\u00e4rem Ziel untergeordnet wird. Hier ein paar Beispiele der j\u00fcngeren Zeit:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2022\/wissenschaftliche-dienste-chatkontrolle-darf-so-nicht-in-kraft-treten\/\">Chatkontrolle,<\/a> mit dem eigentlichen Ziel, sexualisierte Gewalt gegen Kinder zu bek\u00e4mpfen, die dabei aber auch die M\u00f6glichkeiten vertraulicher Kommunikation gef\u00e4hrdet.<br>\n<a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2022\/gesellschaft-fuer-freiheitsrechte-klagen-gegen-zentrale-gesundheitsdatensammlung\/\">Forschung an Gesundheitsdaten<\/a>, mit dem eigentlichen Ziel, Wissen \u00fcber Krankheiten zu gewinnen, die aber gro\u00dfe Risiken f\u00fcr sensibelste pers\u00f6nliche Daten schaffen kann.<br>\n<a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2022\/eidas-2-0-europaeische-id-wallet-fuer-das-digitale-panoptikum\/\">Digitale Identit\u00e4ten<\/a>, die neben ihrem eigentlichen Ziel der einfachen digitalen Identifikation auch ganz neue b\u00f6sartige M\u00f6glichkeiten zu Tracking, Profiling und gezielter Werbung er\u00f6ffnen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Einseitig betrachtete Ziele in Digitalvorhaben ignorieren leider schnell erhebliche negative Nebeneffekte.<\/p>\n<h3>Auswege aus der Engstirnigkeit und Ineffizienz<\/h3>\n<p>Obwohl also gerade ein Wind des digitalen Aufbruchs durch die Republik weht, l\u00e4uft manches im Digitalen nicht einfach deshalb schneller, weil man mehr Budget, Personal oder Ressourcen darauf wirft.<\/p>\n<p>Was man stattdessen br\u00e4uchte? Das wissen Menschen, die sich mit Softwareprojekten befassen, schon lange. Die L\u00f6sung liegt in ausreichend flexiblen kleinen Teams, die verteilt und eigenst\u00e4ndig an den wichtigen Digitalvorhaben arbeiten k\u00f6nnen \u2013 und denen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft vertrauen, \u201eto get the job done\u201c, <a href=\"https:\/\/agilemanifesto.org\/\">wie es im Agile Manifesto so sch\u00f6n hei\u00dft.<\/a><\/p>\n<p>Bessere digitale Umsetzungen, die nutzungsfreundlich, sicher, nachhaltig, inklusiv, datensparsam, grundrechtskonform, effizient, skalierbar und zeitgem\u00e4\u00df sind, wird es aber nur geben, wenn diese Teams zugleich aus vielen Personen mit relevanten Expertisen und Hintergr\u00fcnden zusammengesetzt sind.<\/p>\n<p>Hier tritt also immer wieder unweigerlich die Rolle der digitalen Zivilgesellschaft als Korrektiv in den Vordergrund, weil sich dort die gr\u00f6\u00dfte Vielfalt aus all dieser notwendigen Expertise finden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Je vielf\u00e4ltiger wir\u2018s machen, desto besser wird\u2019s.<\/p>\n<p>Die Arbeit von netzpolitik.org finanziert sich zu fast 100% aus den Spenden unserer Leser:innen. <br>Werde Teil dieser einzigartigen Community und unterst\u00fctze auch Du unseren gemeinwohlorientierten, werbe- und trackingfreien Journalismus <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/spenden\/?via=rss\">jetzt mit einer Spende<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch Deutschland weht gerade ein Wind des digitalen Aufbruchs. 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